Fetzen · Gedanken zum Thema Trauma

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) Teil 2


Februar 2014.
Verdammt lange her, dass ich diese Zeilen geschrieben habe https://vieleineinerhuelle.wordpress.com/2014/02/20/selbst-verletzendes-verhalten-svv/.
Fünfeinhalb Jahre.
Eine gefühlte Ewigkeit, wenn man bedenkt, dass dazwischen so unendlich viele Wochen liegen in denen ich immer auch intensiv therapeutisch gearbeitet habe.
Vieles ist komplett anders geworden.
Anderes scheinbar nahezu unverändert geblieben.

Im Folgenden will ich offen über ein Thema schreiben, was sehr stark triggern kann. Also bitte ich jeden, sehr achtsam mit sich zu sein.

In diesem ersten Beitrag zum Thema Selbstverletzendes Verhalten, habe ich eine Form erwähnt, die scheinbar tabu ist.
Und zwar die Verletzungen im sexuellen Sinn.
Verhaltensweisen, mit denen sich Betroffene in ihrem Intimbereich offene oder auch stumpfe Verletzungen zufügen. Und vor allem mit denen sie in seelischer Hinsicht sich selbst sexuelle Gewalt antun und damit offenbar fortsetzen, was ihnen als Kind durch andere angetan worden ist.
Die meisten Betroffenen schämen sich dessen was sie da tun zutiefst und wagen es nicht, dieses Thema offen in der Therapie anzusprechen.

Ich habe mir kürzlich ein neues Buch in einer Buchhandlung gekauft. Es ist in Deutschland erst ganz neu erschienen, auch wenn das Original bereits 2006 in englischer Sprache auf den Markt gekommen ist.

2006………..oh weh, da kämpfte ich mich noch mit ausgeprägter Angstproblematik durch meine Tage…………. war ich da überhaupt in Therapie? Ich denke nicht.

Wisst ihr, dieses Buch ist geschrieben von einer Frau, die als Pflegestelle Kinder bei sich aufnimmt, die teils schweren Missbrauch erlebt haben. Über eines dieser Kinder schreibt sie in ihrem Buch.
Ohne Frage, 2006 hätte ich dieses Buch auch lesen wollen. Ich hätte es ähnlich schnell verschlungen wie heute.
Nur hätte ich damals mich selbst dadurch mit Triggern überflutet und in der Folge dissoziiert, während ein anderer Teil meiner Seele weiterhin all die Worte verschlungen hätte.
Heute nehme ich so ein Buch in die Hand, stelle beim Lesen fest, dass es heftig ist und entscheide dann bewusst, dass ich damit umgehen kann.
Eines war damals so wie heute.
Wenn ein Kind auffälliges, sexualisiertes Verhalten zeigte, dann fanden sich darüber keine Notizen in Unterlagen und niemand der Helfer, die mit dem Kind zu tun hatten, sprach darüber.
Nun, ich fühlte mich 2006 diesen Verhaltensweisen ausgeliefert. Ich war überzeugt davon, dass ein selbstschädigender Persönlichkeitsanteil in mir das tut, um mich zu strafen und mir Leid anzutun. Ein Täterintrojekt. Ein Monster. Irgendwas, was nicht Ich sein kann.
Heute würde ich sagen, was nicht Ich sein durfte, weil ich mich dafür schämte.
Vieles von dem, was ich mein Leben lang getan habe, war leichter zu ertragen, wenn ich es dissoziierte und als nicht zu mir gehörend erklärte.
Das ist heute deutlich anders geworden. Ich dissoziiere nicht mehr in diesem Sinn. Trenne nicht mehr unerwünschtes Verhalten von mir ab.

Ich mag teilen, was da geschieht. All die Jahre bereits geschieht.
Ich mag in Worte fassen, wofür ich selbst scheinbar nie Worte hatte.
Ich mag anderen Worte schenken, um zu verstehen, was sie da möglicherweise verurteilen.

Ihr erinnert, dass ich vor Triggern gewarnt habe?

Es war ein schwieriger Termin. Ich war gefühlt böse. Schon auf dem Weg spüre ich dieses Gefühl, mich bestrafen zu müssen. Ich weiß, dass es keinen anderen Weg gibt, als es irgendwann zu tun. Sonst hört dieser innere Drang nicht auf. Es ist wie ein innerer Zwang, scheint wie eine Art Sucht, bei der man keine Wahl mehr hat.
Mit der Zeit ist es gelungen, es rauszuschieben, aber dieser innere Druck blieb ja irgendwie und meist kam es dann irgendwann nur umso schlimmer.
Nach und nach habe ich Situationen eingegrenzt, die scheinbar diesen Druck auslösten.
Eine bestimmte Sitzposition, die es scheinbar triggert.
In sexueller Weise zurückgewiesen werden.
Böse sein zu Menschen, die mir wichtig sind. Oder einfach nur nicht lieb sein zu ihnen.
Aus das macht der und nicht ich, ist nach und nach geworden das macht ein Teil von mir, der dann nicht anders kann.

Kürzlich war ich getriggert. Ich fürchtete in diesem Moment, dass mich die Erinnerungen überfluten und wegspülen würden. Doch inzwischen funktioniert mein Gehirn in der Tat nicht mehr in dieser traumatisierten Weise. Der Trigger sorgte dafür, dass sich viele Puzzleteile ineinander fügten, die alle zuvor wenig Sinn ergaben.
Und am Ende hatte ich eine grobe Ahnung davon, was mir als kleines Kind an einem Tag geschehen ist, als meine Eltern nicht zuhause waren und meine Geschwister und ich den Auftrag hatten, niemanden reinzulassen.

Es hat an diesem Tag geklingelt.
Und ich habe die Tür geöffnet, weil ich gesehen habe, dass es der Onkel war, der ganz oft kam und ja nicht böse war.
Was geschehen ist, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Meine Seele ist sehr gut darin, zu dosieren, was ich erfahre. Überhaupt hat sie alles was mir als kleines Kind geschehen ist, in Märchen verpackt. Dieses Märchen war „Der Wolf und die sieben Geißlein“ Ich war das siebte Geißlein, weil ich das jüngste Kind war. Er hat sie alle „gefressen“. Nur mich leider auch, weil ich mich nicht wie im Märchen in der Wanduhr versteckt habe.
Aber weil ich ja das Verbot hatte, die Tür zu öffnen, quälte ich mich mit schlimmen Schuldgefühlen.
Ich hatte so immer Angst, wenn es an der Tür klingelte und ein erwachsener Teil meiner Seele entschied, nicht zu öffnen. So erging es mir sicherlich auch als Kind, als es klingelte und der Onkel vor der Tür war. Ich hätte nicht öffnen dürfen, aber ich glaubte wohl auch, ihn nicht dort stehen lassen zu dürfen.
Aber er war eben der Wolf.
Und ich erzählte niemandem, was der Wolf getan hat.
Weil das Kind von damals keine Worte für das hat, was geschehen ist.

Am Tag nachdem diese Erinnerung sich zusammengesetzt hatte, berichtete ich meiner Thera stolz davon, wie gut sich das inzwischen dann alles zusammensetzt und zu einer echten Erinnerung wird…………………
Über die ich dann allerdings nicht sprechen wollte und wo ich auch nicht bereit war, dem Kind von damals Raum in der Therapie zu geben…………..
Und ich ging nach Hause und dieser Teil meiner Seele, den ich zuvor als Monster verbannt haben wollte, holte die Utensilien, um den Körper zu verletzen.
Ich kann noch immer in gewisser Weise dann nur dem zusehen was geschieht, während ich schon weiß, dass auch das Ich bin.

Eines war diesmal anders.

Ich habe verstanden, dass es hier nicht um Selbstverletzung geht.
Es geht überhaupt nicht darum, mich zu bestrafen oder mir Schäden zuzufügen.
Das Kind hat keine Worte.
Es hat keine Worte, die sagen könnten.
Es kann nur zeigen, was geschehen ist.
Und an diesem Tag hat es genau gezeigt was der Wolf getan hat.

Gestern Abend habe ich einige Kapitel des Buches gelesen. Seiten in denen das Kind von dem sie erzählt, Verhaltensweisen zeigt, die auch ich zum Teil als Kind gezeigt habe.

Auffälliges Sexualverhalten.

Nur wie war denn die Reaktion der Erwachsenen?
Sie waren beschämt und schimpften mit mir.
Also lernte ich, dass ich das nicht darf.
Also war es das Monster in mir, was das tut…………
Dabei ist das Monster ein kleines Kind, was schwersten sexuellen Missbrauch erlebt hat und keine Worte für das hat, was geschah.
Es hat in jeder Weise versucht zu zeigen, was geschehen ist.

40 Jahre später habe ich ihr zugehört.

Weil ich erst heute wirklich hinschauen kann.
Weil ich erst heute verstehe, dass das Monster mein Onkel war und ich all die Jahre ausdrücken wollte, wofür ich keine Worte hatte.

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Alltags-Wahnsinn

EHS……… der Fond der von Tätern gemacht ist?


Ich habe mich anfangs sehr gesträubt, einen Antrag beim EHS (Fond sexueller Missbrauch) zu stellen.

Die Fragen wirkten erschlagend und triggernd auf mich. Jede brachte mich wieder unfreiwillig in Erinnerungen.

Er wurde innerlich als unmöglich aus den vorhandenen Wegen gestrichen.

Bis ich im vergangenen Jahr so sehr Veränderungen in meiner Sicht auf mich geschafft habe, dass ich spürte, nun soweit zu sein, endlich mit anderen auch therapeutisch arbeiten zu wollen und es auch psychisch zu können. Ich schaffe es, mich selbst gut zu reflektieren und mich so zu sehen, wie ich wirklich bin. Ich habe den Abstand, nicht mehr in dieser Weise getriggert zu werden, dass ich mich in Flashbacks befinde, die ich selbst nicht gut gesteuert bekomme. Es gelingt, selbstverletzendes Verhalten im Impuls der Umsetzung zu unterbrechen und eine eigene Entscheidung zu treffen. Ich setze Grenzen und bin achtsam mit mir.

Ich habe mich bereits letztes Jahr zu Jahresbeginn damit befasst gehabt, eine therapeutische Ausbildung machen zu wollen. Das wollte ich schon mein ganzes Leben. Nur müsste ich eben schon selbst stabiler sein, um das auch zu können. Soweit war ich im Januar 2018 aber noch nicht.

Ein Jahr später sah es deutlich anders aus.

Von der Labilität, in der ich zu Beginn der Therapie war, bin ich inzwischen Meilen entfernt. Hier ist kein Drama mehr, wenn jemand was Verletzendes sagt. Es zieht mir nicht mehr den Boden weg, wenn eine schockierende Nachricht kommt.

Ja, es gibt noch immer Zeiten in denen es mir schlecht geht und ich Krisen habe. Dennoch kann ich in dieser Zeit sehr gut auf Menschen eigenen, die selbst betroffen sind. Und das ohne dabei überlastet zu werden. Ich habe gelernt, auf mich zu achten und für mich zu sorgen. Selbstfürsorge zu betreiben.

Nun, im Januar diesen Jahres habe ich wieder geschaut wegen den möglichen Ausbildungen und den Wegen. Ich hatte immer gedacht, dass ich das nicht finanziert bekomme. Und da tauchte der Fond wieder in meinem Gedanken auf.

Ich sage euch, es war alles andere als ein Spaziergang, diesen Antrag auszufüllen. Ich hätte ihn am liebsten direkt wieder entsorgt und alles für unmöglich erklärt. Aber ich habe das durchgezogen. Ich brannte darauf, endlich die Ausbildung beginnen zu können. Vor allem als für mich entschieden war, wie der Weg aussehen soll. Wie es passt, dass ich die Ausbildung auch schaffen kann. Trotz all der Schwierigkeiten mit denen ich klarkommen muss (Mobbing in der Schule, Angst vorm Scheitern, Angst in Gruppen, etc.).

Ende März habe ich den fertigen Antrag eingereicht.

Letzte Woche habe ich meine Ausbildung begonnen. Natürlich ohne eine Zusage. Aber mit der Hoffnung, dass die nur eine Frage der Zeit sein wird.

Und dann kam ich heute aus der Schule und hatte Post vom EHS…………

Ich erspare euch und mir den Inhalt lieber……………

Sie erkennen an, dass ich Opfer sexueller Gewalt innerhalb der Familie geworden bin.

Doch sie lehnen die beantragte Hilfe ab.

In meinen Worten begründen sie es damit, dass ein Traumatherapeuten studiert haben muss (ich mache eine Ausbildung in integrativer Therapie inklusive dem Heilpraktiker für Psychotherapie) und voll belastbar sein müsse.

Sie haben meine Worte „ich bin nicht voll belastbar um auf dem allgemeinen Ausbildungsmarkt eine Ausbildung zu machen“ so ausgelegt, dass ich psychisch nicht stabil bin.

All die vielen Therapien haben sie in der Luft zerrissen und ihren Bescheid mit den Worten geschlossen, ich könne gerne die Kostenübernahme für das Nachholen des Abiturs oder anderer Sachleistungen beantragen.

Das Abitur hatte das Arbeitsamt 1993 angeregt in einem BBW nachzuholen……….

Die 26 Jahre dazwischen haben wohl irgendwie nicht stattgefunden. All die Therapie habe ich scheinbar nur geträumt.

Sie klatschen mir in Tätermanier um die Ohren: „Du kannst dich anstrengen wie du willst, du gehörst niemals zu den Normalos. Du kannst nichts und du wirst nichts. Du darfst jede Ausbildung machen, aber nur die, die wir dir zugestehen.“

Soviel dazu, dass jeder ein Recht auf Selbstbestimmung hat und das EHS denen helfen soll, die benachteiligt sind und keine Chance auf Selbstverwirklichung haben, weil durch die Traumatisierung Voraussetzungen nicht geschaffen werden konnten, wie eben das Abitur oder ähnliches.
Fragen die mich mal, was ich will?
Glauben die ernsthaft, dass ich heute mit 45 noch mein Abitur machen will? Vor allem, warum soll ich das denn nochmal versuchen, wenn ich es doch bereits aufgegeben hatte, weil genau diese Schulform nicht ging?

Mir zumindest versuchen sie vorzuschreiben, wie diese Selbstverwirklichung auszusehen hat. Und ja……….. die Traumatherapeutin, mit der ich die letzten Jahre gearbeitet habe und wirklich unglaublich dadurch gewachsen bin, die ist dann auch nicht akzeptabel, schwer Traumatisierten zu helfen.

Denn Heilpraktiker für Psychotherapie haben ja nicht studiert und somit sind sie laut EHS nicht als adäquate Traumatherapeuten anzusehen.

Und ich frage mich, ob die Richter und Co., die in ihrer Freizeit Kunden waren, die sich an mir bedient haben, heute in der Clearingstelle des Fond Sexueller Missbrauch sitzen und ihre Macht ausleben.

Dabei wollte ich hier eigentlich schreiben, wie toll die Ausbildung ist und wie unglaublich gut mir das alles tut.

Alltags-Wahnsinn · Gedanken zum Thema Trauma · Therapieerfahrungen

Bin ich viele?


Ein heikles Thema………..

Dissoziative Identitätsstörung, multiple Persönlichkeitsstörung, so lautet die offizielle Diagnose, die in meinen Unterlagen steht. Auch im Bescheid des OEG steht sie unter den aufgeführten Diagnosen. Endlich steht sie da auch, auch wenn sie im Anerkennungsbescheid noch immer „Persönlichkeitsstörung nach langjähriger Traumatisierung“ schreiben. Dennoch wissen sie, dass es eigentlich um DIS geht.

Der Gutachter schrieb vor zwei Jahren „eine Besserung durch die laufende, langjährige Psychotherapie wird aufgrund der Chronifizierung des schweren psychischen Gesamtleidenszustandes nicht für möglich gehalten,…..“. Ich muss hier sicher keinem erklären, warum er dennoch meinte, dass die Anerkennung mit einem GdS von 50 vom Hundert zutreffend sei. Die meisten Betroffenen wissen, dass Gutachter nicht wirklich zu begreifen sind in dem, was sie schreiben………….

Zum Glück war der Widerspruch meines Anwalts erfolgreich und somit wurde ich doch höher eingestuft.

Der Gutachtertermin hatte mir dennoch den Boden weggezogen.
Und das erste Ergebnis auch.
Nicht, weil sie meinen Antrag ablehnen wollten. Nein.
Weil ich mich dort emotional ausziehen musste und vollkommen unnötigerweise ausgefragt wurde über schmerzlichste Traumaerlebnisse aus der frühen Kindheit, obwohl ich bereits zu der Zeit seit 20 Jahren nach OEG anerkannt war. Ich hatte nur endlich gewagt zu beantragen, dass man mich entsprechend der Folgeschäden einstuft und nicht abspeist, als wäre es nur eine leichte Einschränkung.

Zu dem was heute an Folgen vorhanden ist, hat der gute Herr Mediziner nicht eine Frage gestellt…………..
Aber die Feststellung getroffen, dass ich derart beeinträchtigt bin, dass die Therapie keine Veränderung bringen wird.

Zwei Jahre ist das her.

Ich war an diesem Tag sehr froh, noch einen Termin mit meiner Thera zu haben, auch wenn ich die nicht wirklich spüren konnte. Dennoch war sie eben da. Und nur das war wichtig.

Und noch viel wichtiger war die Nachricht meines Anwalts auf meinem AB, der mich bat, so schwer es auch falle, alles zu notieren, was an dem Gutachtertermin nicht okay war und es mit aktuellem Datum zu unterschreiben……….letztendlich war es das, was die Widerspruchsstelle beim Versorgungsamt hat umdenken lassen.
Alles aufzuschreiben, es mir von der Seele zu schreiben. Sachlich, nüchtern, nur Fakten, als würde ich ein Protokoll anfertigen. Aber es war raus aus mir und steckte nicht mehr als Wut in mir fest.

Wir sind zwei Jahre weiter.

Ich spreche nur noch selten von wir. Ab und an noch in der Therapie.
Ohne Frage, jemand der sich auskennt, wird noch immer die feinen Grenzen zwischen dem einen und dem anderen Persönlichkeitsanteil bemerken.

Aber in mir hat sich etwas komplett verändert.

Ich sehe mich nicht mehr als Mensch mit vielen „Identitäten“, wie ich es früher tat.

Früher glaubte ich, ich sei dann nicht ich, wenn XYZ gerade vorne ist. Ich war überzeugt, dass es eine andere war, der die schlimmen Dinge passiert sind. Und es war auch eine andere, die aggressiv wurde, wenn ich mich bedroht fühlte. Und es war ein anderer, der den Körper verletzte………..

Und dann wurde alles anders.

Ich las ein Buch über DIS und spürte in mir, dass ich diese Getrenntheit nicht mehr will. Wann immer meine Thera „ihr“ anstatt „du“ sagte, sehnte ich herbei, dass sie mich als „du“ sieht. Als ein ganzer Mensch. So ganz wie sie ganz ist. Wenn mein Name auf einem Zettel von ihr stand, dann war der Zettel wie ein Schatz. Ich bin ein ganzes „Ich“.

Manchmal verliere ich kurze Momente der Zeit. Ich bin dann nicht gut mit meiner Aufmerksamkeit da. Passiert im Stress schon mal. Aber eigentlich bekomme ich alles mit und kann auf alles reagieren.
Ich blicke auf mich und sehe mich anders.

Sehe DIS anders und Dissoziation.

Flucht und Rückzug in mich selbst.

Weil mir zu sehr Angst machte, was real geschah.

Und später, weil mir zu sehr Angst machte, was ich erinnern könnte.

Unbewusst lief alles in Automatismen ab.

Wurde ein Thema zu brisant und kratzte an meinen Kindheitserinnerungen, war ich innerlich weg. Ich habe mich ausgeklinkt, um mich vor der Wucht der Emotion zu schützen.

Wollte ich mit einem Verhalten von mir nichts zu tun haben, war es besser, nichts davon zu wissen.

Gedanken, die vielleicht böse und unangebracht sind, gehören gar nicht zu mir.

Wünsche, die kindlich sind, können gar nicht meine sein.

Heute wechsle ich bewusst das Thema, wenn ich spüre, dass mir etwas zu viel wird.

Wenn ich traurig bin, entscheide ich bewusst, was dem Kind in mir gut tun könnte.

Und manchmal überspült es mich auch, weil ich zu spät merke in welche Richtung es geht. Dann schießen die Tränen hoch und für einen Moment vermischt sich das Kind von damals mit der Erwachsenen von heute. Bis ich meinen Zeh wieder ins Jetzt bekomme und vorsichtig wieder die Kleine in mir erreichen kann.

Einzig das sind noch die Momente in denen ich im Außen einen Menschen mit eigenem Körper brauche, um mich wieder ein wenig herauszubekommen aus der Traumazeit.

Aber wer genau bin denn nun „Ich“?

Die Summe aller einzelnen Teile.

Das ganze Puzzle.

Das komplette Bild.

Jede Facette in meiner Seele, mit jeder Erinnerung und jeder gefühlten Emotion.

Das alles bin ich.

Alltags-Wahnsinn

Wieder da….


Hallo ihr Lieben,

mancher von euch wird schon gemerkt haben, dass mein Blog wieder öffentlich ist. Es war nie meine wirkliche Absicht, ihn nicht offen zu halten. Als jedoch das neue Datenschutzgesetz kam, sah ich mich gezwungen, die Seite auf „Privat“ zu stellen. Schlicht, weil ich mit diesen Vorschriften überfordert war und auch noch immer nicht durchsteige.

Ich habe in einer schlaflosen Nacht einen Text generiert, der hier auf den Datenschutz hinweist. Was der wirklich bedeutet? Keine Ahnung.

Irgendwie hoffe ich, er reicht.

Denn im Grunde interessieren mich die Daten der Leser so gar nicht und ich habe nicht vor, damit irgendwas zu tun.

Ich mag hier nur Erfahrungen aus meinem Leben teilen. Und Gedanken die in meinem Kopf entstehen.

Anderen eine Chance geben, meinen Weg zu verfolgen und sich inspirieren zu lassen, einmal mit anderen „Augen“ auf das zu blicken, was sie beschäftigt.

Es ist knapp zwei Jahre her, dass ich hier meinen letzten Beitrag geschrieben habe.

Unglaublich viel Zeit, wenn man in einer Entwicklung steckt.

Zwei Jahre?

Wo sind die geblieben?

War das nicht erst letzte Woche?

Vor zwei Jahren, da habe ich noch Angst ausgestanden, wenn ich mit dem Bus fahren musste.

Ich bin nicht alleine einkaufen gegangen und nicht alleine in die Stadt gefahren, ohne die Angst im Gepäck zu haben.

Unter der Dusche habe ich gegen die Panik gekämpft und im Bett lag ich am Abend wach und hatte Todesangst, die mich oft in einem dissoziativen Zustand in den Schlaf brachte.

Schon irre, das zu sehen.

Heute nutze ich Carsharing und genieße diese Freiheit.

Ich gehe einkaufen, wenn es sich stimmig anfühlt und liebe es den Duft des Duschgels unter der Dusche zu riechen.

Am Abend bette ich meinen Kopf auf die „Kuscheljacke“, die noch immer neben mir liegt. In ihrer Brusttasche befindet sich ein Modul was einen Herzschlag hören lässt. Es ist ein Modul für Babys. Egal. Es hilft mir, ruhig in den Schlaf zu kommen.

Vor zwei Jahren, da glaubte ich, dass ich es doch irgendwie nie schaffe. Während ich gleichzeitig allen beweisen wollte, dass es doch möglich ist.

Heute will ich niemandem mehr etwas beweisen.

Ich weiß was ich kann.

Vor zwei Jahren…………….

……. da hatte ich noch keine Ahnung, wie sehr ich meinen Vater liebte und wie tief der Schmerz in mir ist, den mein Bruder mir zugefügt hat.

Ich hatte keine Ahnung, dass ich einmal Klage gegen meinen Bruder einreichen und mich wehren würde. Und ich habe nicht geahnt, wie wichtig das sein wird.

Und ich hatte nicht den Hauch einer Idee, wie es sein wird, wenn ich nicht mehr multiple bin, weil ich es nicht mehr sein muss.

In zwei Jahren, da werde ich vielleicht noch immer hier schreiben.

Vielleicht wird mich mancher von euch noch immer lesen.

Ich werde mich „Heilpraktikerin für Psychotherapie“ nennen dürfen und mitten in der therapeutischen Ausbildung sein. Es wird erste Arbeit mit eigenen Klienten geben.

Und dennoch wird es so sein, dass ich ein Mensch bin, der mit den Folgen frühkindlicher und komplexer Traumatisierung lebt.

Schön, dass es doch noch immer einige gibt, die hier lesen mögen.

Ich freue mich sehr und fände es toll, den einen oder anderen Kommentar zu lesen.

Und ab jetzt gibt es mich hier auch ab und an mal wieder ganz aktuell zu lesen.

Liebe war nicht vorgesehen

Bindungsabbruch


******übertragen aus meinem gelöschten Blog Ursprüngliche Veröffentlichung 15.04.2018*******

Es ist ein Wintertag. Ich bin fünf Jahr alt.
Es hat geschneit. Den ganzen Tag.
Eisiger Wind weht.
Die Uhr läuft vor. Es wird halb vier am Nachmittag.

Papa sollte von der Arbeit kommen. Ich wünsche mir nichts, als dass er die Treppe hochkommt und seine Tasche ausräumt. Ich mag sein Brot mit Schmierkäse essen, was er jeden Tag mitnimmt, um es für mich wieder mit zurückzubringen. Jeden Tag macht er das.

Heute rückt der Zeiger auf der Uhr immer weiter vor.
Papa kommt nicht.
Meine Geschwister wollen ihm entgegengehen. Ich bettle weinend, mitkommen zu dürfen.
Wir hatten wohl alle keine Ahnung, was uns erwarten würde, wenn wir aus der Seitenstraße herauskommen und den Ort hinter uns lassen würden.

Sie wechseln sich ab den Schlitten zu ziehen, auf dem ich sitze. Der Schnee tut im Gesicht weh. Je weiter wir kommen, umso mehr Schnee türmt sich auf. Ich weine, weil die Hände und Füße vor Kälte schmerzen. Ich soll mich bewegen.

Stelle mir vor, wie Papa kommt und mich wärmt. Versuche im Schneetreiben eine Gestalt zu sehen. Doch da ist nichts. Nur Schnee und Wind. Wir können die Häuser nicht mehr sehen. Ziehen den Schlitten gemeinsam. Bis meine Beine nicht mehr können und es auf dem Schlitten viel zu kalt wäre. Die Schneemassen werden immer höher. Ich sehe nur noch ein Gebirge aus Schnee.

Sie sagen, dass ich da bleiben soll und mich bewegen. Sie wollen nur auf den einen Schneeberg, um zu schauen, ob er kommt.

Es ist dunkel geworden. Nur der Schnee macht es hell. Autos können nicht mehr fahren. Fussgänger kommen auch nicht. Meine Geschwister verschwinden.

Ich bin allein. Ganz allein. Weine. Friere. Die Beine schmerzen schrecklich. Ich versuche zu rufen, aber da kommt kein Ton. Drehe mich um. Nach Hause laufen………aber es ist alles voller Schneegestöber und der Wind pfeift.

Habe schreckliche Angst.
Ich habe kein Gefühl für Zeit.
Fühle nichts mehr. Vielleicht ist es warm. Vielleicht eisig kalt. Da ist nichts mehr.
Bis sich Wärme ausbreitet.
Ich habe es nicht geschafft, aufzuhalten.
Gibt bestimmt Schimpfe zuhause……….

Dann tauchen sie wieder auf.

Ich kann die Mütze von Papa erkennen. Tränen über Tränen kullern über meine Wangen.
„Papa, mein Papa!“ Arme die mich hochheben.
Die Decke vom Schlitten legt sich um mich.
Papa’s Stimme am Ohr. „Du musst versuchen zu laufen, damit dir warm wird. Machst du das mal?“ Es tut so weh. Aber Papa ist da. Er ist wieder da.

Wir gehen nach Hause……………
Kein Gedanke daran, dass es in der Hose nass ist. Bin nur froh, dass er da ist….

Es scheint wie ein Erlebnis, was gewöhnlich ist. Alles ist scheinbar gut ausgegangen.

Wäre da nicht der Umstand, dass es von dem Tag an keine verlässliche Bindung mehr geben würde.

Es würden Jahrzehnte folgen in denen ich unwissend dort durch den Schnee gehe und weglaufe sobald ich erahne, dass der andere mich zurücklassen könnte. Ich werde nicht mehr zulassen, dass jemand mich dort warten lässt und hoffen. Lasse es nie mehr zu, dass mich jemand dazu bringen könnte, mich vor Angst und Kälte einzupullern und zu erfrieren. Auch nicht sinnbildlich.

Ich werde mich nicht mehr in Liebe binden.
Ich werde nicht mehr lieben.
Keinen realen Menschen.

Bis zu dem Tag an dem der Mensch in mein Leben tritt, der bis dahin nur in meiner Phantasie existierte. Der Mensch, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe.

Und ich werde wieder dort stehen. Im Schneegestöber. Mein Herz wird drohen vor Angst stehenzubleiben. Der Körper wird vor Panik taub werden.
Die alte Angst wird riesig werden.
Wieder und wieder werde ich panisch überzeugt sein, dass sie verschwinden wird und ich nichts dagegen tun kann.

Aber ich weiß, Liebe kann heilen was in jenem Schneetreiben verwundet wurde.
Eines Tages werde ich spüren, dass es in mir warm bleibt, auch wenn ich sie nicht mehr sehen kann.
Ich werde ganz sicher wissen, dass sie in meinem Herzen bleibt, auch wenn meine Augen sie nicht sehen können.
Und ich werde ihre Stimme in meinem Ohr hören, ihre haltende Umarmung spüren, die sich wie eine schützende Decke um mich legt, wenn der kalte Wind eisig weht.

Das Kind von einst wird dann wissen, dass wir nicht daran sterben, wenn wir ihre Nähe nicht fühlen können.
Es wird dann wissen, dass sie bleibt, auch wenn sie nicht immer bei uns sein kann.
Im Herzen bleibt sie immer bei uns.

Eines Tages wird das Kind von damals wissen, dass Liebe schön ist.

Liebe war nicht vorgesehen

Zerfetzte Erinnerungen


*********übertragen von meinem gelöschten Blog. Ursprüngliche Veröffentlichung 15.04.2018******

Meine frühe Kindheit verschwindet in einer Erinnerungsblase, die im Nichts verschwindet. Als hätte es mich nie gegeben.

Es tauchen nur mal Fetzen auf.
Folgen dessen was mir geschehen ist.
Folgen ohne bewusste Erinnerung.
Immer nur Fetzen.
Wie Schnipsel eines zerrissenen Bildes.

Manche sortieren sich schon mehr, andere noch gar nicht.

Der Fetzen einer Hand, die ich nicht erkenne.
Rotschimmerndes Licht in einem Raum.
Laute Stimmen um mich.
Immer wieder eine tiefe Stimme.
Es ist nicht mein Vater, der da spricht.

Eine viel zu große Hand hat sich auf mein winziges Gesicht gelegt.
Hat mir die Luft genommen.
Hat mich in Todesangst versetzt.
Kein Ton könnte meinen Mund verlassen.
Ich kämpfe um mein Leben.
Bis ich ganz ruhig werde.
So unendlich erschöpft und müde.
Es wird ganz warm und watteweich.

Meine Seele ist zersplittert.

Jeder Splitter ein eigenes Ich.

Einer, der ausgestiegen ist und von außen betrachtet, was dort gerade geschieht.
Ein anderer, der das Fühlen des Körpers übernommen hat.
Ein weiterer, der beobachtet, was der Mensch dort vor uns tut und denkt und fühlt.
Einer, der dafür sorgt, dass geatmet wird.

Ich wache wieder auf und alles was ich erinnere ist ein warmes Wattegefühl.
Während ein anderer Teil mir mehr als 40 Jahre später zeigen wird, dass sich ein erwachsener Mann an mir befriedigt hat.

Ich werde als erwachsener Mensch jeden der anderen Anteile ablehnen, die mir erzählen und mich spüren lassen, was dort in dieser Zeit geschehen ist. Ich werde sie für Monster halten.

Und ich werde mich selbst um mein Leben bringen wollen, weil ich glauben werde, dass ich gefährlich bin, weil ein Teil von mir studiert hat, wie der Mann gefühlt hat.

Ich werde einem Gutachter gegenübersitzen, der mich fragt, ob ich als kleines Kind vergewaltigt wurde. Und ich werde „Nein“ sagen und überzeugt sein, dass ich kein Recht auf Entschädigung habe.

Und jedesmal wenn meine Blase voll ist, werde ich daran erinnert werden, was ich als Baby in diesem Moment gefühlt habe. Und ich werde es ganz lange nicht verstehen.

Liebe war nicht vorgesehen

ein Stück heile Welt


*******übertragen von meinem gelöschten Blog. Ursprüngliche Veröffentlichung 08.06.2017******

Ich werde herumgereicht. Meinen beiden großen Schwestern auf Auge gedrückt. Sie haben mich mitzunehmen, wenn sie sich mit ihren Freunden treffen. Ich bin noch klein genug, um nichts zu verstehen.
Werden abgestellt und habe keinen Mucks zu machen.
Bis ich anfange Worte zu lernen, nicht mehr meine Klappe halte.
An diesem Punkt werde ich zur Nervensäge, zur Verräterin, zur Qual.
Vielleicht mein Glück.
Es braucht jemand anderen, der mich versorgt, während die Mutter schläft.
Eine ältere Frau aus der Nachbarschaft. Eine Oma mit einer Herzenswärme, wie sie in unserer Familie nicht existiert. Ein Mensch, der mich auf den Arm nimmt und mir Geschichten vorliest. Immer eine Dose mit Schokotalern, die mit den Perlen drauf. Ein Ort wo ich Liebe erfahre. Auch wenn es nur ein Tropfen auf einem heißen Stein ist. Wenigstens gibt es diese Momente…………
Und es gibt einen Jungen, der manchmal auch dort ist. Mit dem ich spiele. Der mein bester Freund ist. Andy.
Wir spielen in unserer eigenen Welt, die die Erwachsenen nicht verstehen.
Erfinden Worte, die nur wir beide kennen.
Wir schweigen und lachen und weinen zusammen.
Wenn sein Opa die große Wiese hinter dem Haus abmäht, dürfen wir dabei sein und im Heu toben und den großen Mähdrescher bestaunen. Er nimmt uns mit und lässt uns einfach frei und wild sein. Wenn jemand etwas sagt, entgegnet er: „Lass sie doch toben. Es sind doch Kinder.“ Und er freut sich daran, wie glücklich wir in diesen Momenten waren.

Sie währt nicht lange, diese Zeit. Ein paar Jahre.
In dem Sommer, in dem wir eingeschult werden, zerbricht die heile Welt.
Eines Tages steht ein großer LKW in der Einfahrt zu seinem Zuhause.
Männer laden alle Sachen ein, mit denen wir gestern noch spielten.
In diesem Sommer reissen sie uns auseinander.
Wir werden eingeschult.
Allein.
Hunderte von Kilometern voneinander getrennt.

Später werde ich mich erinnern, an seine braunen Haare und die Augen, in denen ich alles ohne Worte verstand. Ich werde mich erinnern an seinen Wirbel im Pony und das Glitzern in seinen Augen, wenn er lachte.
Und er wird auf immer eine Träne in meinen Augen hinterlassen.
Ich weiß nicht wo er geblieben ist.
Weiß nichts davon, ob er an mich denkt.

Damals an diesem Tag endete das Stück heile Welt……….